Die Aeolian Orgel
Dieses Instrument konnte händisch gespielt werden, beinhaltete aber auch einen Selbstspielapparat, über den auf Notenrollen eingestanzte Kompositionen wiedergegeben werden konnten. Beim Abspulen einer Rolle werden pneumatische Impulse ausgelöst und über elektrische Trakturen Orgelpfeifen, Glockenspiel und Röhrenglocken zum Klingen gebracht.
Diese letztlich klangerzeugenden Elemente wurden jedoch bewusst nicht sichtbar und repräsentativ in die Raumgestaltung integriert, sondern hinter der baufesten Wand- und Deckengestaltung verborgen. Sichtbar ist nur der in einer Nische befindliche freistehende Spieltisch. Der Klang der Orgel sollte unsichtbar in den Raum hineinschweben und sich dort sphärisch, ja mystisch ausbreiten. Diese diffuse Form der Klangentfaltung passt gut zu den spätromantischen Kompositionen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, von denen sich viele im Rollenbestand des Schlosses befinden. Tagebucheinträge Leopolds IV. belegen die rege Nutzung des Instruments durch eingeladene Künstler und den Fürsten selbst.
Die Orgel im Dornröschenschlaf
Nach einem vermutlich durch einen Wasserschaden ausgelösten Defekt an der Orgel wurde es um 1940 still in der Bibliothek. Eine Instandsetzung erfolgte nicht – auch, weil Leopold IV. im Jahr 1949 starb. Etwa 70 Jahre später begannen der jetzige Eigentümer Stephan Prinz zur Lippe und die LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen sich mit den Möglichkeiten einer Instandsetzung auseinanderzusetzen. Auf wissenschaftliche Untersuchungen folgten Konzepte, Ausschreibungen, Förderanträge und letztlich die ersehnte Restaurierung, die pünktlich zum Tag des offenen Denkmals 2025 abgeschlossen werden konnte. Hierbei konnte der unverändert überlieferte Originalbestand erhalten werden, erneuert wurden ausschließlich Verschleißteile.
Denkmalwert
In Bezug auf die Authentizität von Material, Technik und Klang zählt die Aeolian-Orgel des Detmolder Schlosses damit zu den am besten überlieferten historischen Instrumenten in Westfalen-Lippe. Sie ist zudem eines der wenigen erhaltenen Beispiele halbautomatischer Musikinstrumente der Aeolian Company. Als Zeugnis der höfischen Musikkultur ist die Orgel in Westfalen einzigartig und nach derzeitigem Kenntnisstand in ganz Europa ohne vergleichbares Beispiel.
Disposition
Hauptwerk (in der Bibliothek) Echowerk (im darüber liegenden Geschoss)
Piccolo 2' String PP 8'
Oboe 8' Vibrato String 8'
High Flute 4' Flute 8'
Flute 8' Vox Humana 8'
Trumpet 8' Tremolo
Sting PP 8'
String P 8'
String F 8' Effektregister
Diapason 8' Harp (Glockenspiel) ab c0
Tremolo Chimes (Röhrenglocken) a1 bis e2 in p u. f
Pedal (in der Bibliothek)
Deep Flute 16'
Spielhilfen
Koppeln: I Super; II Super; I Sub; II Sub; I an P; II an P; II an I; II an I octaves (Super)
Feste Kombinationen P, M und F an jedem Manual Manual C bis c4, Pedal C bis f1
Aeolian R-Roll
Wechselregler für Harp und Chimes
Tonal Indicator
Crescendotritt (Tonal)
Schwelltritt Hauptwerk
Schwelltritt Echowerk
Soundtrack einer Epoche – so klang es am Hof um 1900
Wie klang ein kleines Fürstentum im Deutschen Reich am Vorabend des Endes von Monarchie und Kaiserreich? Die musikalisch-auditiv greifbare Quellenlage ist dürftig, sodass man hierzu lange Zeit nur Vermutungen anstellen konnte. Mit der Wiederbelebung der Detmolder Aeolian-Orgel ist es nun möglich, das Ohr an den Hauch der Geschichte zu legen. Gepaart mit dem umfangreichen Rollenbestand kündet die Orgel nun eindrucksvoll vom Musikverständnis und den Hörgewohnheiten einer ganzen Epoche. Hören Sie doch einmal rein!
Hinweis: Das Prozedere des Abspielens der Rollen befindet sich aktuell noch im Stadium der Erprobung. Auch weisen einige Rollen Abnutzungserscheinungen auf, die auf häufiges Abspielen hindeuten. Die zu hörenden Aussetzer in der Melodieführung sind auf diese Umstände zurückzuführen.
Edvard Grieg | Morgenstimmung
aus „Peer Gynt“
Georg Friedrich Händel | Largo
aus „Xerxes”
Richard Wagner | Ritt der Walküren
aus „Die Walküre“
Zum Weiterlesen
- Christian Steinmeier: Die halbautomatische Orgel von 1917 in der Bibliothek des Detmolder Schosses, in: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe, 2022-1, S. 4–9
- Stephan Prinz zur Lippe und Christian Steinmeier: Wachgeküsst – Die Aeolian-Orgel im Schloss Detmold, Denkmalpflege in Westfalen-Lippe, 2025-1, S. 60–64
- Denkmalliebe – Wachgeküsst: Story zur Aeolian-Orgel
Die Aeolian-Orgel im Schloss Detmold | Denkmal des Monats Dezember 2025
Autor
Dr.-Ing. Christian Steinmeier
Praktische Denkmalpflege und Orgeldenkmalpflege
Tel: 0251 591-4068