Herford: Verborgener Streifenputz aus dem 16. Jahrhundert gesichert
Denkmal des Monats
September 2026
Über fünf Jahrhunderte erhalten
Manchmal sind es gerade die verborgenen Orte, an denen sich außergewöhnliche Zeugnisse der Baugeschichte erhalten. So auch an der östlichen Trauffassade des Hauses Radewiger Straße 35 in Herford. Weil die Fassade schon seit langer Zeit durch ein Nachbargebäude verdeckt und nur über einen schmalen Zwischenraum zugänglich ist, blieb ihre historische Oberfläche über Jahrhunderte nahezu unberührt. Dort haben sich seltene Reste eines bauzeitlichen Streifenputzes erhalten – einer dekorativ strukturierten Putzgestaltung der Renaissance, bei der durch unterschiedliche Bearbeitungstechniken plastische Muster und Lichtwirkungen erzeugt wurden.
Aufwändige Putztechniken dokumentiert
Die Untersuchungen zeigen, dass der Kalkputz mit einer raffinierten Kombination aus Press-, Ritz- und Kratztechniken gestaltet wurde. Diagonal und horizontal verlaufende Linien formen ein lebendiges Muster aus Streifen und Rauten. Unterschiedlich bearbeitete Oberflächen erzeugen ein fein abgestuftes Licht- und Schattenspiel. Technologisch zählt die Ausführung im weitesten Sinne zu den Sgraffitotechniken und zeigt eine hohe handwerkliche Qualität der Gestaltung. Darüber hinaus konnten Reste einer vermutlich bauzeitlichen ockerfarbenen Kalkfassung nachgewiesen werden.
Kritischer Zustand vor der Notsicherung
Der Erhaltungszustand war jedoch kritisch. Eindringendes Regenwasser, dauerhafte Feuchtigkeit und dichter Pflanzenbewuchs hatten die historische Substanz erheblich geschädigt. Lockere Putzpartien, Hohlstellen und aufstehende Putzränder gefährdeten den Bestand. Im Mittelpunkt der Maßnahmen stand deshalb die Sicherung des Originals. Nach einer behutsamen Reinigung wurden gefährdete Bereiche mit speziell abgestimmten, zementfreien Kalkmörteln gesichert, Hohlstellen hinterfüllt und geschwächte Partien gefestigt. Sämtliche Mörtelrezepturen orientieren sich an den historischen Baustoffen.
Mit der Notsicherung konnte ein seltenes Zeugnis der Fassadengestaltung des 16. Jahrhunderts dauerhaft stabilisiert werden. Zugleich liefern die Untersuchungen neue Erkenntnisse über die qualitätvolle Gestaltung bürgerlicher Steinbauten der Renaissance in Westfalen.
In die Zukunft geführt
Der Streifenputz von der Radewiger Straße 35 zeigt eindrucksvoll, dass sich selbst - oder manchmal auch erst recht - an unscheinbaren und heute kaum sichtbaren Gebäudeseiten bedeutende Zeugnisse der Bau- und Handwerksgeschichte erhalten können. Ihre Erforschung und Sicherung erweitert unser Wissen über die historische Gestaltung von Stadtarchitektur und bewahrt in Herford zugleich ein seltenes Original für die Zukunft.