Erstes Dachgeschoss
Blick zum Ostgiebel, davor zwei Ständer des älteren Ostgiebels mit Zapfloch und Blattsasse eines Geschossriegels, 2025
Im Rahmen der Erstellung der Denkmaltopographie der Stadt Hamm wurde auch Haus Ermelinghoff in Bockum-Hövel, das über Jahrhunderte einem Zweig der Familie von Galen gehörte, näher erforscht. Ortstermine der Bauforschung des LWL-Denkmalfachamtes an Torhaus, Haupthaus und Kapelle des Adelssitzes ermöglichten eine Annäherung an die jeweilige Bauchronologie. Bei der Kapelle ergaben sich hierbei frappante neue Befunde zur Baugeschichte.
Tatsächlich stellte die Untersuchung des bisher unbeachteten Dachwerks zwei Bauphasen heraus. Ein Kehlbalkendach auf Sparrenschwellen mit mittig stehendem Stuhl wurde in einer zweiten Bauphase um 1800 um ein Gespärre verlängert. Die Erweiterung nach Osten betraf den gesamten Kirchensaal. Eine dendrochronologische Datierung präzisierte die Bauforschungsergebnisse dahingehend, dass die Kapelle in der aktuellen Form um 1798 fertiggestellt wurde1 – dem Todesjahr des damaligen Hausherrn Clemens Joseph Anton v. Wintgen. Nach dem Konkurs der Familie von Galen hatte C. J. A. v. Wintgen das Gut bei einer Versteigerung im Jahr 1787/88 erworben und eine umfassende Renovierung begonnen.
1 Dendrochronologische Auswertung T. Westphal, Universität Köln, Labor für Dendroarchäologie, Gutachten 18.11.2025
Der ältere Teil des Dachwerks enthält noch Reste des ehemaligen Fachwerk-Ostgiebels mit Spitzsäule und Abdrücken der ursprünglichen Gefachfüllung aus Backstein. Am Westgiebel befinden sich gleichartige, von jüngerem Backsteinmauerwerk eingemauerte Fachwerkreste, der Konstruktionsweise nach eher dem 16. als dem 17. Jahrhundert zuweisbar. Die dendrochronologische Datierung bestätigte dies: Das Dachwerk wurde 1509 oder kurz danach errichtet1. Es ist die bisher älteste bekannte im Aufgehenden erhaltene Bausubstanz „auf Ermelinghoff“, die nämlich noch zu Ende des Mittelalters entstand. Durch den Umbau mit Erweiterung um 1798 wurden alle Wände mit Backsteinmauerwerk verblendet, wo nicht komplett ersetzt, und die Kapelle erhielt ihr einheitlich klassizistisches Aussehen.
1 Dendrochronologische Auswertung T. Westphal, Universität Köln, Labor für Dendroarchäologie, Gutachten 18.11.2025
Heinrich Verinck, Bischöflicher Kommissar und Siegelbewahrer des Münsteraner Hofs, schrieb in einer Urkunde vom 30. Juni 1508, dass die Kapelle, „vom Alter rissig, einzustürzen droht, neu errichtet und zur Ehre der Muttergottes und des Apostels Bartholomäus geweiht wird.“1 Wurde bisher angenommen, dass der Neubau der Kapelle nicht zustande kam, weil sich der Galen‘sche Familienzweig auf Ermelinghoff dem Protestantismus zugewandt hatte, zeigt sich nun, dass die Kapelle schon 1509 tatsächlich neu errichtet wurde. Die gegenreformatorisch motivierte Stiftung des Fürstbischofs nach 1650 kann nun so verstanden werden, dass mit ihrer Hilfe der Hausgeistliche finanziert, Glocke und liturgisches Gerät beschafft und, vielleicht neben einer Instandsetzung der Kapelle, für neue künstlerische Ausstattung gesorgt wurde.
Wie so häufig, zeigt sich auch im Fall der Kapelle von Haus Ermelinghoff in Hamm, wie aussagekräftig und unersetzlich das Baudenkmal als (bau)historische Sachquelle ist.
1 Zitat nach Beaugrand, Günter: Haus Ermelinghoff in Hamm und seine adeligen Besitzer, Wörl 2009, S. 21.
Updaten sie ihren Browser um diese Webseite richtig betrachten zu können.